Smarte Technologien - Fluch oder Segen?

Veranstaltung des Vereins „Gebäudetechnik Südwestfalen“ lockt über 100 Fachleute nach Lüdenscheid

 

Smart Home, Smart Buildings und Themen wie Industrie 4.0 sind in aller Munde und zeigen, dass die Digitalisierung unaufhaltsam fort schreitet. Aber was ist eigentlich so smart an den neuen Technologien? Sind sie nur ein Grund zur Freude, oder gibt es auch Hemmnisse, Vorbehalte oder gar Nachteile? Was gilt es zu beachten, wenn man an diesem boomenden Markt teilhaben möchte? Diesen Fragen gingen jetzt hochkarätige Experten aus Industrie, Wissenschaft und Handwerk auf den Grund. Mehr als 100 Gäste nahmen an der Vortragsveranstaltung in Lüdenscheid teil.

 

 

Auf dem Treppenfoto sehen Sie von links nach rechts: vordere Reihe: Dirk Hackenberg (SIHK), Adalbert M. Neumann (Busch-Jaeger Elektro GmbH), Ewald Jungkurth (Jungkurth GmbH), Matthias Dornbracht (Aloys F. Dornbracht GmbH & Co. KG), Olaf Quittmann (Busch-Jaeger Elektro GmbH); hintere Reihe: Jürgen Spitz (DIAL GmbH), Jens Gebers (Schell GmbH & Co. KG), Harald Rutenbeck (Wilhelm Rutenbeck GmbH & Co. KG), Andreas Pater (Handwerkskammer Südwestfalen).

 

„Für mich ist die Digitalisierung ein Riesenfluch“ - mit dieser provokanten Äußerung begann Matthias Dornbracht seinen mitreißenden Vortrag. Warum das so ist, führte er auch gleich aus: Wenn Techniker sich Lösungen überlegten, dann schössen sie oft über das Ziel hinaus. Realisierten das technisch Machbare, ohne dabei den Anwender und auch die Bedienung in den Blick zu nehmen. Das Ergebnis sind High End Anlagen, die den Nutzer überfordern und am Ende nicht das bieten, was sich der Investor anfangs vorgestellt hat. Angesichts der hohen Investitionskosten für Smart Home Lösungen, Experten sprechen von rund 5000 Euro pro qm, eine Katastrophe, die eher schreckt als begeistert.

 

Er mahnte, näher hinzusehen, wo die wirklichen Bedürfnisse der Kunden liegen und warnte davor, die Digitalisierung als Unternehmen nicht mitzumachen: „Wenn wir sie nicht machen, dann macht sie ein anderer“. Er und sein Team haben drei große Trends ausgemacht: Nachhaltigkeit, Konnektivität und Individualisierung. Mit seinem Unternehmen Dornbracht war er bisher eher konträr zu den heutigen Megatrends unterwegs: „Wir verbrauchen viel Wasser und unsere Armaturen waren bisher eher Insellösungen“ erklärt er. Und genau davon müsse man heute weg. Er sucht darum nach Wegen, um den gewohnten Komfort seiner Luxusprodukte zu erhalten, durch digitale Möglichkeiten sogar noch zu erhöhen – dabei aber Effizienz und Ressourcenschonung mehr Raum zu geben. „Vielleicht müssen wir für unsere Regenduschen Wasserkreisläufe entwickeln, die per Schmutzsensor das Wasser mehrfach nutzen“ warf er als Gedankenspiel ein und schloss mit den treffenden Worten: „Vorne ist, wo sich niemand auskennt!“

 

Nicht nur begeisterte Worte fand auch Prof. Dr.-Ing. Viktor Grinewitschus – ehemals Leiter des Fraunhofer inHaus und heute als Hochschuldozent an der EBZ Business School tätig. Er führte noch einmal aus, dass das hochautomatisierte Smarthome eine High End Lösung sei – aber dadurch leider kein Massenmarkt. Ihn interessiert bei seinen Forschungsprojekten darum vor allem, wie man digitale Technologien für die breite Masse nutzen kann. Wohnen im Alter ist dabei ein Paradebeispiel: Hier liefern Assistenzsysteme einen wertvollen Beitrag, damit ältere Menschen möglichst lange in ihren vier Wänden bleiben können. Pilotprojekte wie das von der EU geförderte I-stay@home gibt es derzeit schon. Auch in Mietobjekten laufen derzeit Untersuchungen, die zeigen sollen, wie hoch die Rolle des Nutzerverhaltens bei der Energieeinsparung ist. Er zeigte bereits, dass in hocheffizienten Häusern der Sollwert des Verbrauchs meistens durch den tatsächlichen Verbrauch überschritten wird. Den Grund sieht Grinewitschus vor allem in einem fehlenden Monitoring. „Wenn den Nutzern nicht gezeigt wird, an welcher Stelle Energie verloren geht, dann werden sie daran auch nichts ändern“ stellt er fest. Vor allem hier sieht der Professor noch großen Handlungsbedarf.

 

Eine Bresche für Digitalisierung schlug Jürgen Spitz vom DIAL. Er zeigte auf, dass zu einem optimalen Wohlfühlklima auch das richtige Licht gehört. Die Evolution hat uns Menschen an dynamisches Licht, vergleichbar mit Farbe und Intensität des Tageslichts im Tagesverlauf, gewöhnt. In Räumen finden wir dagegen meistens statisches Licht vor. Die Folge: Wir fühlen uns unwohl, ermüden schneller und können uns schlecht konzentrieren. Gerade am Arbeitsplatz ist das besonders unangenehm. Smartes Licht bedeutet daher heute, die Intensität und Lichtfarbe der Sonne in Büros nachzuempfinden. „Und das geht ohne digitalisierte Beleuchtung einfach nicht“ machte Spitz den Sinn von Smart Lighting deutlich.

 

Ob Digitalisierung für alle Gewerke wirklich das Allheilmittel sein kann, stellte Axel Schmidt von SALTO Systems in Frage. Gerade bei der Zutrittskontrolle verfahren viele Bauherren nach dem Motto „My home ist my Castle“ und dazu gehört eben auch der greifbare Schlüssel, den man in der Hosentasche hat. Während im gewerblichen Bereich elektronische Systeme schon seit vielen Jahren an der Tagesordnung sind, ist das private Eigenheim immer noch ein Sonderfall. „Mit der Einführung von NearFieldCommunication und Bluetooth Low Energy wird die Bedeutung der Zutrittskontrolle aber auch im privaten Bereich zunehmen. Das Smartphone wird zum Teil des Zutrittkontrollsystems“, prognostiziert der Experte.

 

Jens Gebers von Schell warf dagegen einen ganz anderen Blick auf das Thema Digitalisierung. Da sein Unternehmen Armaturen für den öffentlichen Bereich herstellt, gibt es hier viele Funktionen, die sich digital deutlich einfacher realisieren lassen. Legionellen sind beispielsweise das Top-Thema in der Sanitärbranche. Sie entwickeln sich prächtig in stehendem, lauwarmem Wasser und können nur durch regelmäßige Spülvorgänge mit heißem Wasser über 60 Grad sicher entfernt bzw. verhindert werden. Diese thermische Desinfektion wird heute von vielen Bauherren gefordert. „Durch digitalisierte Armaturen können wir hier komplette Szenarien hinterlegen und definieren, wann, wie heiß und wie lange gespült werden soll“ erklärt Gebers. Zukunftsszenario ist für ihn die direkte Anbindung an Heizgeräte oder die Lüftung, um hier noch mehr Synergieeffekte zu erzielen. „Das lässt sich derzeit nur durch die Anbindung an die GLT realisieren – wir hoffen, dass es bald Möglichkeiten gibt, dass die beteiligten Geräte verschiedener Hersteller über ein gemeinsames Protokoll direkt kommunizieren können“.

 

Ein System speziell für das Wohnhaus präsentierte Olaf Quittmann von Busch-Jaeger Elektro. Das Unternehmen hat das System free@home speziell für die Anwendungen in diesem Bereich entwickelt. Der Nutzer kann hier sehr viel selbst ändern und umprogrammieren – bleibt also im laufenden Betrieb weitgehend unabhängig, was sonst gerne als Vorbehalt gegen smarte Techniken genannt wird. Auch die Angst, dass man gläsern wird und Unbekannte sich einhacken könnten, ist bei diesem System unbegründet. „Wir nutzen bewusst keine Cloud, sondern belassen alle Funktionen im lokalen Netz - nur wenn ein Fernzugriff gewünscht wird, dann wird die Verbindung zum Smartphone oder Tablet über das Internet hergestellt“ konnte Quittmann Sorgen vieler potenzieller Nutzer zerstreuen.

 

Andreas Pater von der Handwerkskammer Südwestfalen in Arnsberg präsentierte die Sicht der Handwerker und schilderte, warum viele noch nicht den Weg zu smarten Technologien gefunden haben: Die Auftragslage in vielen Betrieben sei sehr hoch und der Fachkräftemangel führe zu einer hohen Belastung der einzelnen Mitarbeiter. So bleibe oft das Thema Fortbildung oft auf der Strecke. Man nutze in so einer Situation lieber Lösungen, mit denen man Erfahrung habe. Hinzu kommt, dass Smart Homes völlig andere Planungsprozesse erfordern, als es alle Beteiligten bisher gewohnt sind. Alles muss sehr früh und parallel geplant werden – man kann nicht mehr jedes Gewerk für sich nacheinander abarbeiten. Die dafür notwendigen Kompetenzen kann man aber lernen – etwa in dem dualen Studium „Gebäudesystemtechnologie“. Außerdem unterstützen die Kammern die Betriebe, indem Sie sich Themen wie Personalentwicklung widmen und so dafür sorgen, dass den meistens recht kleinen Betriebe nicht die Mitarbeiter ausgehen.

 

In der abschließenden Podiumsdiskussion waren sich alle einig: Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten und wer nicht mitmacht, wird vermutlich von anderen Anbietern, die oft aus ganz anderen Branchen kommen, verdrängt werden. Wichtig ist aber, den Massenmarkt zu suchen und tatsächliche Probleme zu lösen. Nicht alles technisch Mögliche ist sinnvoll. Die Planung muss gemeinsam mit dem späteren Nutzer ganz sorgfältig erfolgen und seine Lebenssituation genau erfasst werden, damit er später in seinem automatisierten Heim auch glücklich wird. Individualisierung ist auch hier der Schlüssel zum Erfolg – man darf nicht alles starr vorgeben, sondern der Kunde muss das Zepter in der Hand behalten. „Das wünschen nach unseren Erfahrungen gerade die Frauen, die heute im Eigenheim meistens die Entscheider sind“, ergänzte Adalbert Neumann von Busch-Jaeger Elektro.

 

SIHK Präsident Harald Rutenbeck sieht trotz aller Komplexität die Unternehmen in Südwestfalen bestens gerüstet für die anstehenden Aufgaben der Digitalisierung: „Wir haben hier so viel Erfahrung und Fachkompetenz in der Region, da mache ich mir um die Zukunft keine Sorgen“.

 

Sonja Pfaff

www.sonjapfaff.de

 

 

Über den Veranstalter „Gebäudetechnik Südwestfalen e.V.“

 

Die Region Südwestfalen bietet eine europaweit einmalige Konzentration internationaler Marktführer aus den Bereichen Sanitärarmaturen, Gebäudeelektrik und -elektronik, Leuchten sowie Tür- und Sicherheitstechnik.


Hier haben 188 Leitunternehmen aus den genannten Branchen, ergänzt um 300 Zulieferunternehmen ihren Stammsitz. Allein die Leitunternehmen erzielen 3,6 Mrd. € Umsatz im Jahr und beschäftigen rund 26.000 Mitarbeiter. Mehr als 60 Prozent der in Deutschland gefertigten Sanitärarmaturen und mehr als 70 Prozent aller Schalter und Steckdosen stammen aus der Region.

 

Diese guten Ausgangsbedingungen nutzt der Verein "Gebäudetechnik Südwestfalen e.V.", um durch die enge Zusammenarbeit von Unternehmen, Hochschulen und weiteren Institutionen neue, Gewerke übergreifende Systemlösungen für Gebäude zu entwickeln. Der Verein wurde 2004 gegründet und lädt regelmäßig zu Veranstaltungen und Exkursionen ein, lobt Wettbewerbe aus oder vergibt Forschungsaufträge.

 

Kontakt für Rückfragen:

 

Dirk Hackenberg
Gebäudetechnik Südwestfalen e.V.
Bahnhofstraße 18
D-58095 Hagen

Telefon +49 2331 390-206
Telefax +49 2331 390-305



 

Ideenlabor/Hotelzimmer

 

Im Projekt „Ideenlabor/ Hotelzimmer“ wurde zunächst ein Masterplan für die Gestaltung eines Hotelzimmers der gehobenen Kategorie entwickelt und dann in Originalgröße aufgebaut. Mitgliedsunternehmen haben ihre Produkte und Systeme eingebaut und können jetzt die Vernetzung weiterentwickeln, Schnittstellen  optimieren und Impulse für die Produktentwicklung aufnehmen. Als Ergebnis der Zusammenarbeit werden Zusatznutzen für die Kunden generiert und die Vorteile gemeinsam kommuniziert.